Der Tod ist eine Position des Geistes und nicht des Lebens

Der Tod ist wohl der zentrale Inhalt menschlicher Angst. Dennoch scheint mir hier ein Missverständnis vorzuliegen. Niemand kann selbstverständlich in letztgültiger Weise über den Tod sprechen, aber vielleicht ist gerade bei diesem wichtigsten aller Themen eine Unterscheidung angebracht, die auch bei vielen anderen anthropologischen Begriffen zu überraschenden Ergebnissen führt: der Bezug auf andere versus der Bezug auf sich selbst.

Der Tod anderer Menschen mag ein breites Spektrum von Gefühlen bei einer Person auslösen und diese mit ganz konkreten realen Folgen betreffen, von denen die meisten sich wahrscheinlich unter der Kategorie „negativ“ einordnen lassen. Es ist nicht einfach, jemanden zu verlieren, und es braucht Zeit, damit umgehen zu lernen. Doch kommt in unserer Kultur auch häufig das Schlagwort vom Tod als Neuanfang vor, einer gewissen Umgestaltung etc.

In Bezug auf sich selbst bleibt dem Menschen zunächst nur Ungewissheit. Und das Wort Tod wird mehr oder weniger präzisiert auf den Vorgang des Sterbens. Die Berichte von Nahtoderlebnissen der vergangenen Jahrzehnte zeigen hier ein neues und beinahe kontra-intuitives Bild vom Tod als einem sehr intensiven und realen Bewusstseinserlebnis, dessen Intensität über alle Erfahrungen des gewöhnlichen Wachbewusstseins weit hinausgeht und das in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle als äußerst positiv geschildert wird. Viele Nahtoderfahrene haben danach Probleme, in unserem linearen und rationalen Bewusstseinsmodus weiter zu machen und sehnen sich in die unbeschränkte Geborgenheit oder Liebe ihres für sie unbestreitbar realen Erlebnisses zurück.

Es ist hier nicht der Ort, wissenschaftlich, aber auch nicht auf der Ebene des Alltagsbewusstseins eine Lanze für oder gegen die objektive Realität solcher Erlebnisse zu brechen. Es wird aber klar, dass in diesem Bereich Worte wie „glauben“ und „vertrauen“ ihre Bedeutung entfalten können, unabhängig davon, ob man derartige Erfahrungen als Hinweis auf ein Leben nach dem Tod akzeptiert oder nicht.

Aus anthropologischer Sicht findet mit dem Tod, plakativ gesprochen, eine Versöhnung des Bewusstseins mit der Natur statt, und dieser Vorgang, der ja selbst noch ein Bewusstseinsvorgang ist, endet zumindest in unendlicher Geborgenheit, wenn er vielleicht auch etwas bedrückend oder gar abschreckend beginnt. Dabei betonen Menschen mit Nahtoderfahrung immer wieder, dass Zeit in diesem Bewusstseinszustand keine Rolle spielt, ebenso wie auch die Kategorie Raum.

Und dann gibt es noch die Phrase vom „Tod während des Lebens“, welche besonders in spirituellen Kontexten anzutreffen ist. Nirvana, das Erlöschen des Geistes etwa, kann mit dem biologischen Tod zusammenfallen, muss aber nicht. Stirbt jemand diesen Tod des Geistes während des Lebens, ist ihr/sein Bewusstsein in der Folge klarer, unverzerrter und damit der Verstand leistungsfähiger als zuvor, und vor allem fehlt das für den Menschen charakteristische potenzielle Gerichtetsein gegen die eigene Natur.