Das Selbst ist die Seele eines Menschen, dessen Geist erloschen ist

Wenn hier von spirituellen Begriffen die Rede ist, dann bedeutet das nur, dass diese ab einem gewissen Level der Anthropologie nicht wegzudenken sind, vielleicht einfach mangels Alternativen. Dabei ist das Selbst in unserer Kultur seltsam belastet, weil es häufig mit dem Ego, einem verzerrten und übersteigerten Ich, verwechselt wird, wie etwa das Wort „Selbstbezogenheit“ und ähnliche ausdrücken. So muss man beinahe einen Umweg über die Kultur Indiens machen, um anhand des Atman (Selbst, Seele) einen angemessenen Status für diesen wichtigen und gleicherweise verkannten Begriff zu finden.

Das Selbst ist sozusagen die natürliche Ausstattung eines Menschen, die natürliche Struktur seines Verhaltens, die natürlichen Beziehungen zu den anderen. Ein Kleinkind ist demnach weitgehend eins mit seinem Selbst. Das Problem, welches diesen Zustand schleichend und unmerklich beendet, heißt Dauer, veranschaulicht als „objektivierte Zeit“ oder schlicht Uhrzeit. Reines Selbst wäre natürliche und damit je präsente Spontaneität, Dauer dagegen wird von der relativen Konstanz von Dingen suggeriert. Das Festhalten an Dauer ermöglicht eine unbestimmte Distanz zu sich selbst. Noch nicht erkanntes, das heißt, bewusst wahrgenommenes Selbst existiert dann „unterbewusst“ weiter, den dadurch scheinbar frei werdenden Bereich nimmt der Geist ein.

Das Selbst steht für die Individualität (Unteilbarkeit) eines Menschen. Das Ich wiederum ist der Versuch, das Selbst zu objektivieren und setzt dabei die Sprache voraus. Die Sprache vermittelt eine illusionäre Gemeinsamkeit und ermöglicht dem Ich, das Selbst quasi aus der Perspektive der anderen zu betrachten. Als paradoxes Resultat ist das Ich die Summe der äußeren Merkmale eines Menschen: Das Ich definiert sich über die anderen, während das Selbst lebt.

Die Seele ist das aktivierte Selbst: setzt sich jemand ganzheitlich mit der Sprache auseinander, kommt er irgendwann an einen Punkt, an dem er diese abgesehen von inhaltlichen Reflexionen umfassend akzeptieren muss, um weiter zu kommen. Die dabei freigesetzte Energie darf dann wohl als Seele bezeichnet werden. Sie hilft, das Selbst von der durch falschen Sprachgebrauch entstandenen „Schlacke“ zu reinigen.

Selbst und Seele bilden also eine Einheit. Hat die Seele ihre Arbeit getan, ist der natürliche Bewusstseinszustand erreicht, erlischt sie. Ebenso könnte aber auch der Geist aktiviert werden, nur auf der etwas gröberen Ebene der Existenz. Der Umweg über den Geist ist für jeden Menschen unverzichtbar: er experimentiert mit Dingen, während die Seele sich vornehmlich mit Menschen und der Natur befasst. Die Arbeit der Seele besteht jedoch unter anderem darin, dem Geist seine Negativität zu nehmen, ihm letztendlich „die Luft auszulassen“, indem sie die der Sprache zugrunde liegenden Emotionen auflöst.