Die durch die Sprache vermittelte Gemeinschaft ist Illusion

Alles Künstliche der Welt ist letztlich illusionär, von der Kognition Dauer, welche die Dingwelt und die Sprache verbindet, bis hin zum Raum als Begrenzung des Nichts und zum Absoluten, das eine eitle Projektion darstellt. Die Welt selbst ist illusionär, ihre Ganzheit ist die Illusion geistiger Übereinstimmung.

Und damit sind wir bei der Sprache: sie ist die Auslagerung des Menschen in die Illusion. Illusion bedeutet dabei sowohl ein „ich-möchte-gerne“ als auch ein Spiel, eine Verspottung, insbesondere Selbstverspottung durch die Agglomeration widersprüchlicher Bedeutungseinheiten oder Konnotationen zu Begriffen. Das Wort Zeit zum Beispiel ist eine solche Illusion oder die Begriffe Subjekt und Objekt.

Dabei hat jede Illusion auch etwas Reales, einerseits im Wort, das sie bezeichnet, andererseits in der Objekt- oder Strukturenwelt. Wir profitieren aus der Illusion, Besitz wiederum ist eine illusionäre Herstellung von Dauer. Wir flüchten uns in Gemeinschaften, dabei ist schon das Gefühl der sprachbedingten Gemeinsamkeit Illusion. Gemeinsamkeiten, wie sie sich in Konventionen manifestieren, sind Ablenkung von der Tatsache des Todes. Und die Lösung? Einfach den Tod als natürliche Gegebenheit akzeptieren!

„Ursprung“ ist die Verlagerung der Aufmerksamkeit von Ich zum Du

Man könnte fragen, wo kommt denn alles her? Jetzt nicht die Natur oder das Weltall, sondern für den Menschen relevant: Dinge und die Sprache. Nun, die Dinge macht er selbst und die Sprache wurde wahrscheinlich dadurch angeregt und geformt. Aber für ein Baby, das „zur Welt kommt“?

Sowohl Sprache als auch die Dinge, salopp gesagt alles Künstliche suggeriert Dauer und erfordert vom Menschen eine spezifische Aufmerksamkeit oder Aktivierung, welche das Wachbewusstsein bereitstellt. Das Wort „ich“ etwa ist mit bestimmten Eigenschaften, Absichten oder Sonstigem verbunden, was das Bewusstsein eben gerade im Blickfeld hat.

Wandert die Aufmerksamkeit vom Ich zum Du, dann macht das einen qualitativen Unterschied aus, denn vom Du weiß der Mensch weniger als von sich selbst. Und er füllt diese Lücke mit Material, das er probeweise einsetzt oder durch Erfahrung gewonnen oder gelernt hat, das sich aber jedenfalls erst bestätigen muss.

Der Schluss aus dieser durch Dinge und die Sprache induzierten Konstellation ist eine Wertschätzung, die dem anderen dieselben „natürlichen“ Rechte einräumt wie auch sich selbst.

Alles, was wir haben, ist Dauer, die Illusion einer Zeit

Sowohl Dauer als auch Zeit dringen von der Objektseite her in das menschliche Bewusstsein und verfestigen sich dort, wodurch der Mensch quasi selbst zum Ding wird. Eng damit verbunden ist auch ein Besitzdenken, welches sich scheinbar auf alles erstreckt, was sprachlich erfasst werden kann.

Die Natur gehört jedoch niemandem, und so drücken beide Begriffe implizit eine Manipulation aus, die dann zum „Wesen“ des Geistes wird. Umgekehrt ruft die objektivierte, also institutionalisierte Zeit Schuldgefühle hervor, die vom Einzelnen nicht genau zugeordnet werden können. Das Leben steht in einem gewissen Ausmaß unter Stress, auch wenn sich das Individuum bemüht, es sinnvoll und gut zu verbringen.

Der Schlüssel zur Lösung des Problems liegt wohl im persönlichen Gebrauch der Sprache: Sprechen ist eine Form des Handelns, die den anderen einbezieht, und insofern auch eine direkte Mitteilung des Nichtseins, also der von emotionalen Verzerrungen befreiten, inneren Natur.

Emotionen sind der tragende Grund der Konventionen

Wenn man, wie im vorangegangenen Abschnitt, den Tod als etwas Positives begreifen darf, geht damit ein Gefühl der Bescheidenheit einher: das Leben relativiert sich, man könnte sich das Bewusstsein als einen unglaublich vielfältigen, unendlichen Raum vorstellen, aus dessen Sicherheit und Geborgenheit man durch keine Macht der Welt herausgerissen werden kann. Und damit greift dann auch eine etwas veränderte Sicht auf die Dinge eben dieser Welt Platz und die persönlichen Prioritäten könnten sich ein wenig verschieben.

Das menschliche Leben wird durch Konventionen gestaltet, wobei hier unter Konvention im weitesten Sinn eine gültige Übereinkunft inklusive deren materiellen oder ideellen Folgen verstanden wird. So betrachtet, ist alles Konvention, was von Menschen geschaffen wird, insbesondere auch die Sprache. Diese stellt den Schnittpunkt von Persönlichem und Allgemeinem dar.

Die Sprache konstituiert das Bewusstsein und gibt dem Menschen implizit die Verantwortung für seine ganz persönliche Welt, für sein Sprechen und Handeln. Er wird dadurch jedoch nicht überfordert, sondern es stellt sich lediglich die Gleichung heraus, dass sein Bewusstsein umso „besser“ ist, je näher die Sprache „an der Natur“ ist.

In diesem Zusammenhang tritt dann auch die Bedeutung der beiden Emotionen Angst und Stolz hervor: diese bilden die wesentlichen Strukturen des Unbewussten, sind jedoch nur wirksam, wenn sie auf Lüge basieren. Sie werden transparent und eingeschränkt, wenn das Bewusstsein auf den jeweils gegenwärtigen Zeitpunkt fokussiert ist. Letztlich wird dadurch die durch die Sprache suggerierte Dauer zur Illusion.

Der Tod ist eine Position des Geistes und nicht des Lebens

Der Tod ist wohl der zentrale Inhalt menschlicher Angst. Dennoch scheint mir hier ein Missverständnis vorzuliegen. Niemand kann selbstverständlich in letztgültiger Weise über den Tod sprechen, aber vielleicht ist gerade bei diesem wichtigsten aller Themen eine Unterscheidung angebracht, die auch bei vielen anderen anthropologischen Begriffen zu überraschenden Ergebnissen führt: der Bezug auf andere versus der Bezug auf sich selbst.

Der Tod anderer Menschen mag ein breites Spektrum von Gefühlen bei einer Person auslösen und diese mit ganz konkreten realen Folgen betreffen, von denen die meisten sich wahrscheinlich unter der Kategorie „negativ“ einordnen lassen. Es ist nicht einfach, jemanden zu verlieren, und es braucht Zeit, damit umgehen zu lernen. Doch kommt in unserer Kultur auch häufig das Schlagwort vom Tod als Neuanfang vor, einer gewissen Umgestaltung etc.

In Bezug auf sich selbst bleibt dem Menschen zunächst nur Ungewissheit. Und das Wort Tod wird mehr oder weniger präzisiert auf den Vorgang des Sterbens. Die Berichte von Nahtoderlebnissen der vergangenen Jahrzehnte zeigen hier ein neues und beinahe kontra-intuitives Bild vom Tod als einem sehr intensiven und realen Bewusstseinserlebnis, dessen Intensität über alle Erfahrungen des gewöhnlichen Wachbewusstseins weit hinausgeht und das in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle als äußerst positiv geschildert wird. Viele Nahtoderfahrene haben danach Probleme, in unserem linearen und rationalen Bewusstseinsmodus weiter zu machen und sehnen sich in die unbeschränkte Geborgenheit oder Liebe ihres für sie unbestreitbar realen Erlebnisses zurück.

Es ist hier nicht der Ort, wissenschaftlich, aber auch nicht auf der Ebene des Alltagsbewusstseins eine Lanze für oder gegen die objektive Realität solcher Erlebnisse zu brechen. Es wird aber klar, dass in diesem Bereich Worte wie „glauben“ und „vertrauen“ ihre Bedeutung entfalten können, unabhängig davon, ob man derartige Erfahrungen als Hinweis auf ein Leben nach dem Tod akzeptiert oder nicht.

Aus anthropologischer Sicht findet mit dem Tod, plakativ gesprochen, eine Versöhnung des Bewusstseins mit der Natur statt, und dieser Vorgang, der ja selbst noch ein Bewusstseinsvorgang ist, endet zumindest in unendlicher Geborgenheit, wenn er vielleicht auch etwas bedrückend oder gar abschreckend beginnt. Dabei betonen Menschen mit Nahtoderfahrung immer wieder, dass Zeit in diesem Bewusstseinszustand keine Rolle spielt, ebenso wie auch die Kategorie Raum.

Und dann gibt es noch die Phrase vom „Tod während des Lebens“, welche besonders in spirituellen Kontexten anzutreffen ist. Nirvana, das Erlöschen des Geistes etwa, kann mit dem biologischen Tod zusammenfallen, muss aber nicht. Stirbt jemand diesen Tod des Geistes während des Lebens, ist ihr/sein Bewusstsein in der Folge klarer, unverzerrter und damit der Verstand leistungsfähiger als zuvor, und vor allem fehlt das für den Menschen charakteristische potenzielle Gerichtetsein gegen die eigene Natur.

Die einzige ethische Entscheidung ist Ehrlichkeit zu sich selbst

Die Sprache katapultiert den Menschen aus seiner Individualität hinaus zu einem Ich, das eine unüberschaubare Diversität darstellt. Sie fungiert gleichsam wie ein Prisma, welches die Einheit menschlicher Energie in eine Vielzahl von Fragmenten aufspaltet, ohne ein Rezept mitzuliefern, wie diese Fragmentierung zu einem vernünftigen Ganzen zusammengefügt werden kann.

Der beste Weg, die Sprache verstehen zu lernen, besteht darin, sie auf sich selbst anzuwenden. Damit ist nichts anderes gemeint als die alltägliche Reflexion, welche etwa eine Situation, das eigene Verhalten und die dazugehörige Sprache untersucht. Dies könnte auch als Arbeit an der Wirklichkeit bezeichnet werden und setzt ein wenig den Mut voraus, dem Faktum der eigenen Natürlichkeit mehr zu vertrauen als der Illusion einer sprachlichen Gemeinschaft.

Indem eine Person die Sprache auf sich selbst anwendet, strebt sie zu ihrer Individualität zurück. Die einzige Voraussetzung dafür ist Ehrlichkeit zu sich selbst.

Sprache vermittelt der Abgrenzung illusionäre Dauer

Die Sprache ist eine nach außen gerichtete Fiktion. Sie wird von anderen vermittelt, sie bildet Gemeinschaft, sie produziert Dauer – doch all dies gehört letztlich in den Bereich der Illusion. Etwas verharmlosend könnte man sagen: Die Sprache lehrt von Kindheit an zu schlafen und zu träumen.

Aus anthropologischer Sicht lässt sich eine gewisse Negativität der Sprache nicht verleugnen: sie stellt die primäre Konvention dar, darf unter Umständen als das Absolute bezeichnet werden und ist doch nichts weiter als eine Auslagerung in die Illusion. Sie verlangt deshalb einigen guten Willen, soll die immanente Destruktivität ausgeglichen werden, und dieser gute Wille müsste zu einer Grundhaltung werden, solange sich der Mensch auf dem Weg zu seiner Natur befindet.

Obwohl die Sprache das Kommunikationsinstrument schlechthin ist, setzt sie den Menschen auf einen Ding-Status herab, was auf die in Worten implizierte Dauer zurückgeht. Und sie grenzt ein Ding vom anderen ab, ohne diesen Vorgang zu legitimieren. – Dadurch wird wohl auch die Voraussetzung für menschliches Besitzstreben geschaffen.

Dennoch ist der Mensch nicht an die Sprache gebunden. Sie verschlüsselt seine Wirklichkeit, ohne diese umgekehrt beschreiben zu können. Eine Person kann über die Sprache hinausgehen und findet sich dann in ihrem Inneren wieder.

Das Selbst ist die Seele eines Menschen, dessen Geist erloschen ist

Wenn hier von spirituellen Begriffen die Rede ist, dann bedeutet das nur, dass diese ab einem gewissen Level der Anthropologie nicht wegzudenken sind, vielleicht einfach mangels Alternativen. Dabei ist das Selbst in unserer Kultur seltsam belastet, weil es häufig mit dem Ego, einem verzerrten und übersteigerten Ich, verwechselt wird, wie etwa das Wort „Selbstbezogenheit“ und ähnliche ausdrücken. So muss man beinahe einen Umweg über die Kultur Indiens machen, um anhand des Atman (Selbst, Seele) einen angemessenen Status für diesen wichtigen und gleicherweise verkannten Begriff zu finden.

Das Selbst ist sozusagen die natürliche Ausstattung eines Menschen, die natürliche Struktur seines Verhaltens, die natürlichen Beziehungen zu den anderen. Ein Kleinkind ist demnach weitgehend eins mit seinem Selbst. Das Problem, welches diesen Zustand schleichend und unmerklich beendet, heißt Dauer, veranschaulicht als „objektivierte Zeit“ oder schlicht Uhrzeit. Reines Selbst wäre natürliche und damit je präsente Spontaneität, Dauer dagegen wird von der relativen Konstanz von Dingen suggeriert. Das Festhalten an Dauer ermöglicht eine unbestimmte Distanz zu sich selbst. Noch nicht erkanntes, das heißt, bewusst wahrgenommenes Selbst existiert dann „unterbewusst“ weiter, den dadurch scheinbar frei werdenden Bereich nimmt der Geist ein.

Das Selbst steht für die Individualität (Unteilbarkeit) eines Menschen. Das Ich wiederum ist der Versuch, das Selbst zu objektivieren und setzt dabei die Sprache voraus. Die Sprache vermittelt eine illusionäre Gemeinsamkeit und ermöglicht dem Ich, das Selbst quasi aus der Perspektive der anderen zu betrachten. Als paradoxes Resultat ist das Ich die Summe der äußeren Merkmale eines Menschen: Das Ich definiert sich über die anderen, während das Selbst lebt.

Die Seele ist das aktivierte Selbst: setzt sich jemand ganzheitlich mit der Sprache auseinander, kommt er irgendwann an einen Punkt, an dem er diese abgesehen von inhaltlichen Reflexionen umfassend akzeptieren muss, um weiter zu kommen. Die dabei freigesetzte Energie darf dann wohl als Seele bezeichnet werden. Sie hilft, das Selbst von der durch falschen Sprachgebrauch entstandenen „Schlacke“ zu reinigen.

Selbst und Seele bilden also eine Einheit. Hat die Seele ihre Arbeit getan, ist der natürliche Bewusstseinszustand erreicht, erlischt sie. Ebenso könnte aber auch der Geist aktiviert werden, nur auf der etwas gröberen Ebene der Existenz. Der Umweg über den Geist ist für jeden Menschen unverzichtbar: er experimentiert mit Dingen, während die Seele sich vornehmlich mit Menschen und der Natur befasst. Die Arbeit der Seele besteht jedoch unter anderem darin, dem Geist seine Negativität zu nehmen, ihm letztendlich „die Luft auszulassen“, indem sie die der Sprache zugrunde liegenden Emotionen auflöst.

Das Nichts ist die Übereinstimmung eines Menschen mit der Natur

Es ist wohl kein einfaches Unterfangen, einen Blog mit dem Wort „Nichts“ zu beginnen! Ein objektiviertes, existenzielles Nichts soll tunlichst vermieden werden, ein materielles Nichts spielt vielleicht in irgendwelchen Regionen des Alls eine Rolle, und doch gibt es auch im Menschen einen Bereich, der am besten mit diesem Wort bezeichnet werden könnte und in dem Friede, Geborgenheit und Sicherheit herrschen, lokalisiert im Zentrum des Körpers, umgeben oder überlagert möglicherweise von einem Sturm der Emotionen, zugleich aber grenzenlos ausgedehnt ins Unendliche. Wird dieses „Nichts“ wahrgenommen, erweist es sich als verlässlicher Bezug, etwa um die eigene Sprache und Wirklichkeit zu überprüfen.

Ein weiterer, weniger mystisch klingender Zugang könnte von der Sprache selbst abgeleitet werden: wird vorausgesetzt, dass jeder Mensch eine nur ihr oder ihm zukommende Bedeutung hat, dann ist das Nichts die Beschränkung auf den jeweils aktuellen Zeitpunkt und damit eine Umkehrung der Energie der Zeit oder auch deren völliges Unterbleiben, denn diese hebt das Bewusstsein weg vom Moment auf das Niveau sprachlichen Ausdrucks. Das Nichts kann dann als unmittelbares Erleben der eigenen Wirklichkeit aufgefasst werden ohne Verzerrung oder Täuschung, welche von der Sprache gegebenenfalls verursacht werden.

So ist das Nichts entgegen dem Wortsinn ein unglaublich positiver Begriff, und das hat nichts mit Nihilismus welcher Art auch immer zu tun!